Die heilige Elisabeth

 

Von der Heiligen Elisabeth wird berichtet, dass sie während ihrer Wartburgzeit bedürftige Menschen im Tal unterhalb der Burg besuchte, um ihnen Brot zu bringen. Sie tat dies heimlich, weil ihr Ehemann dieser Mildtätigkeit kritisch gegenüberstand. Eines Tages geschah es, dass der Gemahl Elisabeths ihr hoch zu Pferd begegnete und fragte, was sie in ihrem Korb trüge. Elisabeth antwortete, sie habe Rosen geschnitten. Als er sie daraufhin bat, den Brotkorb zu öffnen, quollen dunkelrote Rosenblüten heraus.

Diese Geschichte ist eine Legende mit zeitkritischen Anspielungen.

Elisabeth wird uns hier als emanzipierte Frau gezeigt, die gegen die herrschenden Verhältnisse handelt. Die herrschenden Verhältnisse: Das ist zum einen ihr Mann, der Regent, dem daran liegt, ganz zeitgemäß zwischen oben und unten zu unterscheiden – die Fürstin gehört auf die Burg, und nicht zu den Bettlern ins Tal.

Das ist zum anderen die finstere Seite des Mittelalters mit großer Armut und Not bei den einfachen Leuten.

Elisabeth verlässt das bestehende öffentliche Weltbild und geht ihren eigenen Weg.

Die Pointe dieser Legende, die Verwandlung des Brotes in Rosen, vermögen wir in ihrer ganzen Tragweite erst zu erfassen, wenn wir uns den Symbolgehalt der Rose in jener Zeit und durch die Jahrhunderte verdeutlichen:

Sie steht für himmlische Vollkommenheit und für irdische Leidenschaft; die Rose ist beides: Zeit und Ewigkeit, Leben und Tod, Fruchtbarkeit und Jungfräulichkeit. Die Rose ist die Fülle der göttlichen Kraft und der idealen Welt.

Die Verwandlung des Brotes in Rosen ist darum weit mehr als eine himmlische Notlüge zugunsten der Mildtätigkeit. Mit dieser Verwandlung bekommt die Nächstenliebe ihren Platz im Himmel und auf der Erde zugewiesen, an der Seite Gottes und der Menschen gleichermaßen.

Pfarrer Gerhard Zimmer, Schweinsberg